Lektion in Loslassen
Lara Flemming, Head of Corporate Communications & Marketing, EOS Holding GmbH war zum SeitenWechsel im Diakonie Hospiz Volksdorf
„Hospiz? Boah, das ist hart!" Diese, oder ähnliche Reaktionen erntete ich, meist begleitet mit erschrocken aufgerissenen Augen oder einem wie im Schmerz verzerrten Mund, wenn ich erzählte, dass ich eine Woche Praktikantin in einem Hospiz sein würde. Im Diakonie Hospiz Volksdorf, um genau zu sein.
Aber von vorn: Tatsächlich hatte ich das Glück, an einem Fortbildungsprogramm für Führungskräfte teilzunehmen, dass sich „SeitenWechsel" nennt. SeitenWechsel, weil Menschen aus Unternehmen für eine Woche in eine soziale Einrichtung als Praktikant gehen, also in eine völlig andere Welt. Das bedeutet, eine Woche lang keine Führungsaufgaben, keine fachlichen Entscheidungen - und als Praktikantin keine politischen Spielchen, wie sonst häufiger als angenehm im Job. Stattdessen Arbeit mit Obdachlosen, Drogenkranken, Straffälligen oder anderen Menschen, die nicht (mehr) zum „funktionierenden" Teil der Gesellschaft gehören.
Warum man das macht? Dafür gibt es viele Gründe. Meine waren, mal wieder die Wichtigkeit von Dingen und Problemen aus der eigenen Welt in ein besseres Verhältnis zur Außenwelt zu bringen. Außerdem wollte ich die eigene Komfortzone bewusst verlassen und sehen, wie ich mich auf völlig unbekanntem Terrain und allein so mache. Und zuletzt bot mir diese Woche einen ersten Schritt in Richtung ehrenamtliche Arbeit zu machen.
Also ran. Im Hospiz. Ich gebe zu, die Auseinandersetzung mit dem Tod und mit sterbenskranken Menschen auf den letzten Metern ihres Lebens, bedeutete für mich, wie wohl für die meisten gesunden, noch jungen Menschen (s.o.), eine riesige Herausforderung.
Als ich am Morgen meiner SeitenWechsel-Woche zur Frühschicht auf dem Weg nach Volksdorf war, die Stadt um mich herum noch dunkel und verschlafen, hatte ich . fast ein bisschen Panik. Wie würde ich mich anstellen? Wie reagieren auf Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, die einen manchmal langen und schmerzhaften Kampf gegen eine Krankheit (zu 98% sind es Krebspatienten) ausgefochten haben, und nun wissen, es gibt keine Heilung mehr, sondern den Tod. Und das sehr bald. Würde ich mich „gut" verhalten können? Helfen können? Oder dumm und unpassend? Würde ich unter den Eindrücken leiden? Mit eigenen Ängsten konfrontiert werden, die ich sonst, in meinem vermeintlich stressigen Alltag, easy verdrängen kann?
Diese und weitere Fragen hatten mir eine unruhige Sonntagnacht beschert. Und dann? Nach einer Woche im Pflegedienst des Diakonie Hospiz Volksdorf kann ich eines sagen: Diese Woche war eine für mich durchweg kostbare und absolut positive Lebenserfahrung, für die ich sehr dankbar bin.
Inwiefern? Ich habe ganz viel über mich gelernt, über das Sterben und über die Menschen im Hospiz, die jeden Tag ganz viel Kraft und Liebe geben, damit die Gäste, wie sie genannt werden, und ihre Angehörigen eines schaffen: in Liebe loszulassen. Beide Seiten, diejenigen, die gehen genauso, wie die, die bleiben.
Über mich habe ich gelernt, dass ich überhaupt keine Hemmungen gegenüber den Gästen und ihren Angehörigen hatte. Im Gegenteil, es tat richtig gut, etwas tun zu können. In dem Moment, handfest. Zum Glück erlaubten mir meine temporären Kolleginnen und Kollegen schnell, sie tatkräftig bei der täglichen Pflege und Versorgung zu unterstützen. Für dieses Vertrauen und Zutrauen an dieser Stelle einen großen Dank an sie alle.
Zweitens habe ich meine Rolle beim SeitenWechsel wahnsinnig genossen. Da ich eine komplett neutrale Beobachterin war, ohne eigene Agenda wie sonst in meinem Job, konnte ich mich voll und ganz auf das konzentrieren, was den Menschen um mich herum half. Und das war neben den Pflege- und Versorgungsaufgaben vor allem ganz viel Zuhören.
Im Gespräch mit den Sterbenden, ihren Lieben und auch viel mit den Kolleginnen und Kollegen merkte ich wieder, wie gern ich zuhöre und wie gut es tut, wenn ein Gespräch dem Gegenüber auch guttut. Wenn man eine für den anderen wichtige Frage stellen kann, die sie oder ihn weiterbringt. Wenn man ein Lächeln angesichts schöner Erinnerungen hervorzaubern kann, oder eben einfach da ist, wenn man gebraucht wird.
Natürlich sind die Betroffenen nicht an mir interessiert. Da gibt es keinen Raum mehr dafür, jemand kennenzulernen. Sie sterben und haben vielleicht noch Themen, die offen sind. Manche plagen Ängste oder Sorgen um die Angehörigen. Und es gefiel mir, dass es mal gar nicht um mich ging, um irgendwelche Rollen, Aufgaben oder Leistungen von mir. Ich konnte mein (oft sehr eitles) Ich komplett zurückstellen. Für mich war es in dem Moment absolut befriedigend, wenn ich den Abschied, den Tag oder was es gerade war, ein klitzekleines bisschen leichter machen konnte.
Den Kolleginnen und Kollegen im Hospiz gebührt mein höchster Respekt. Ob Pfleger, Krankenschwester, Sozialarbeiterin oder Seelsorger - alle machen einen fantastischen Job. Die rund 20 Pflegekräfte versuchen, den Gästen einen so autonomen Tagesablauf wie möglich zu lassen. Würde bis zum Schluss. Wann gegessen, sich gepflegt oder ähnliches gemacht wird, bleibt den Gästen selbst überlassen. Die Pflegekräfte richten sich nach ihnen. Sie mögen ein besonderes Müsli? Wird besorgt, wenn die Angehörigen es nicht schaffen. Die Nägel lackieren, weil man es ein Leben lang getan hat? Geht klar. Ein Gespräch mit einem überforderten Angehörigen? Jederzeit. In drei Schichten rund um die Uhr.
Supervisionen und geleitete Gespräche im Team sorgen dafür, dass diese starke Haltung möglich ist und man sich gegenseitig so gut es geht unterstützt. Was nicht heißt, dass es nicht auch, wie in jedem Team, Konflikte und Stress gibt. Irgendwo müssen ja auch Ventile für die starken und schweren Emotionen im Hospiz her. Ich habe aber erlebt, dass sich alle sehr darum bemühen, sich gegenseitig zu verstehen und gut zusammenzuarbeiten - mit dem Gast als Mittelpunkt des Tuns. Das hat mich sehr beeindruckt.
Ach, und eine wichtige Lektion habe ich vom Seelsorger des Hospizes mitgenommen: Loslassen als höchsten Akt der Liebe muss man zulassen. Ein einfaches, physisches Beispiel kann das besser beschreiben, als Worte. Der Seelsorger erlebe es in seinem Alltag häufig, dass Angehörige um einen Gast herum sitzen und ihn an allen Gliedmaßen berühren, erzählte er mir. Sie legten ihre Hände auf die Hände oder Beine. So könne der Gast aber nicht gehen. Er würde richtiggehend festgehalten. Mit einer einfachen Änderung, er schob seine Hand einfach unter meine, sei man zwar da, aber der Sterbende dennoch frei, sich auf die Reise zu machen, wenn er bereit sei.