Wie ist die Lage in der Krankenstube?
SeitenWechsel bietet Perspektivwechsel und Einblicke in Lebenswelten, mit denen unsere Teilnehmer/innen sonst wenig Berührung haben. Diese Einblicke möchten wir auch jetzt, während der Corona-Pandemie, bieten, wenn unsere Arbeit nicht durchführbar ist wie sonst.
Wir haben Thorsten Eikmeier, Leiter der Krankenstube für Obdachlose des Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V. gefragt, wie es den Kolleginnen und Kollegen, den Klientinnen und Klienten in seiner Einrichtung geht. Die Krankenstube für Obdachlose befindet sich im ehemaligen Hafenkrankenhaus auf St. Pauli und ist ein stationär-ambulantes Hilfeangebot für kranke obdachlose Menschen. Neben der gesundheitlichen Pflege soll die sozialpädagogische Betreuung die Rückkehr der obdachlosen Männer und Frauen auf die Straße verhindern.
SeitenWechsel: Wie sieht die Lage bei Ihnen aus?
Thorsten Eikmeier: Wie alle anderen auch wurden wir von den Entwicklungen anfangs regelrecht überrollt. Aufgrund der Tatsache, dass unsere stationären Patient*innen wegen ihres Alters und der Vorerkrankungen ausnahmslos zur Risikogruppe gehören, haben wir schnell versucht, die Gefahr von Ansteckungen zu minimieren. Unseren Alltag haben wir seit Ausbruch des Virus stetig den aktuellen Entwicklungen angepasst: wir haben die Zahl der Patient*innen reduziert, um in den Zimmern und Gemeinschaftsräumen die nötigen Abstände gewährleisten zu können, wir haben sämtliche Besuche auf Station gestoppt, wir behandeln derzeit keine ambulanten Patient*innen und wir haben unseren ohnehin hohen Hygienestandard noch mal erhöht. Darüber hinaus haben wir bisher guten Erfolg mit der Idee, den Menschen hier möglichst großen Komfort zu bieten, um zu verhindern, dass sie das Gelände verlassen müssen.
Einmal mehr stellt es sich als großes Glück heraus, eine eigene Hygienefachkraft im Team zu haben, die alle Maßnahmen und Empfehlungen im Blick behält und auf unsere Einrichtung herunterbrechen kann.
SeitenWechsel: Wie können die Menschen Sie als Einrichtung unterstützen?
Thorsten Eikmeier: Unsere Einrichtung ist grundsätzlich auf Spenden angewiesen, um das Angebot aufrecht zu erhalten. Das gilt für die Corona-Krise, aber eben auch darüber hinaus. Unter anderem gibt es die Möglichkeit, Bettenpatenschaften zu übernehmen. Ausführliche Informationen über unsere Arbeit und die Möglichkeiten zu spenden, finden sich auf unserer Homepage.
Die gravierenden Veränderungen der vergangenen Wochen haben noch mal überdeutlich gezeigt, dass die Versorgung von Menschen ohne Obdach unzureichend ist und wie schwer es für diesen Personenkreis ist, den Kopf über Wasser zu halten. Ich würde mich freuen, wenn unsere Gesellschaft die jetzt so oft angepriesene Solidarität und Mitmenschlichkeit lebt und aufhört, Obdachlosigkeit als eine Form von Normalität hinzunehmen. Helfen können alle: direkt auf der Straße, durch Spenden an Projekte der Wohnungslosenhilfe und auf politischer Ebene.
SeitenWechsel: Welche guten Seiten hat die Situation im Moment? Was könnte positives daraus entstehen?
Thorsten Eikmeier: Mit Blick auf die Situation der obdachlosen Menschen, die ohne Frage noch prekärer geworden ist als zuvor, fällt es schwer, positive Seiten zu finden. Erfreulich ist sicher zu sehen, dass viele Menschen auf unterschiedliche Art und Weisen ihre Hilfe anbieten und bereit sind, Menschen in Not zu unterstützen.
Und möglicherweise verdeutlicht der Virus den Menschen auch auf seine schonungslose Weise, dass wir am Ende alle im selben Boot sitzen, dass alle Menschen verletzlich sind und wir stärker werden, wenn wir solidarisch handeln – auch mit Blick auf die schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft.